Einmal „Archäologin“, immer Archäologin

„Archaeology is the search for fact. Not truth. […] So forget any ideas you’ve got about lost cities, exotic travel, and digging up the world. We do not follow maps to buried treasure and “X” never, ever, marks the spot. Seventy percent of all archaeology is done in the library. Research. Reading.“

– Dr. Henry Walton Jones, Jr.

Ich hatte das Glück, meine Kindheit in einer hessischen Kleinstadt zu verbringen. Unser Haus befand sich am Ortsrand. Gleich auf der anderen Straßenseite erhoben sich der Wald und ein majestätischer Sandsteinbruch. Von der mittelalterlichen Altstadt mit ihrer Wasserburg und ihren Fachwerkhäusern – in einem von ihnen wohnte meine beste Freundin – trennte mich ein großer, verwilderter Park. Den Großteil meiner Freizeit verbrachte ich im Freien, kletterte auf Bäume, fing nur mit einem kleinen Netz bewaffnet Fische im nahegelegenen Bach, baute Höhlen und Häuser im Unterholz oder tobte durchs hüfthohe Gras wilder Wiesen. Meine Hosen hatten Grasflecken an den Knien, aber natürlich nur, solange diese noch nicht komplett durchgescheuert waren. Meine Beine waren voller blauer Flecke und Kratzer. Und es kam mehr als einmal vor, dass ich – durchnässt bis auf die Haut – mit nur einem Gummistiefel nach Hause kam, weil der Zweite im tiefen Morast unwiederbringlich stecken geblieben und versunken war. Dann empfing mich meine Mutter mit einem heißen Bad und einer großen Tasse Kakao oder Tee.
Doch auch direkt vor der Haustür – oder besser gesagt hinter unserem Haus – gab es viel zu erleben: Unser Grundstück hatte den Bewohnern des historischen Sandsteinhauses neben uns über lange Jahre als Schutthalde gedient und so grub ich zusammen mit meinem Vater im Garten nicht nur Regenwürmer, sondern auch echte „archäologische“ Schätze aus. Ein altes Steinwaschbecken wurde zur Vogeltränke umfunktioniert. Aber auch ein mechanischer Wecker, ein Fahrrad, diverse neuzeitliche Scherben, Tierknochen und ähnliches zählten zu unseren Funden.
Ich muss also zugeben, dass das Graben und die „Arbeit“ unter freiem Himmel schon immer einen integralen Bestandteil meines Lebens ausgemacht haben. Natürlich habe ich auch schon als Kind die Indiana Jones-Filme geliebt und mich für ägyptische Pyramiden begeistert. Aber genauso, wie ich seit jeher den Dreck unter meinen Fingernägeln brauchte, wusste ich auch schon immer, dass das Glück nicht unbedingt in der Ferne zu finden ist. So unlogisch und spontan mir nach meiner Schulzeit der Entschluss schien, Archäologie (mit Schwerpunkt mitteleuropäische Eisenzeit) zu studieren, so zwingend logisch erscheint er mir rückblickend.
Dass ich trotz allem keine „Ausgräberin“ geworden bin, hat nicht nur den Grund, dass ich Dr. Jones zustimmen muss. Der Sinn der Archäologie liegt nicht allein im Auffinden bedeutender Relikte. Er liegt vor allem darin, Funde auszuwerten, zu recherchieren und zu vergleichen, um Erkenntnisse über unsere Vergangenheit zu gewinnen und den Fund in seinem Kontext zu verstehen. Er liegt aber auch darin, sowohl die Funde als auch die daraus gewonnenen Erkenntnisse der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dieser Punkt liegt mir besonders am Herzen, denn ich bin ebenfalls seit frühester Kindheit begeisterte Museumsbesucherin. Es verwundert also nicht, dass ich „meine“ Nische in der Archäologie in der Museumsarbeit gefunden habe, wobei ich den Freilichtbereich genauso liebe wie die ehrwürdigen Hallen der Museen selbst. Kommen dann noch Technik und Handwerk ins Spiel, bin ich voll in meinem Element!
Meine Liebe zu Büchern und Literatur kommt mir in dieser Sparte natürlich auch zugute, denn schließlich muss man ja auf dem neuesten Stand der Wissenschaft bleiben, aber um als Bibliophile wirklich auf der sicheren Seite zu sein, habe ich lieber auch mal gleich ein zweites (Haupt-)Fach studiert: Keltologie! Doch das ist eine andere Geschichte…

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